Nicht nur wir Menschen, Hundehalter, Sport- und Diensthundeführer sind Stress
ausgesetzt, sondern in vermehrtem Mass auch unsere Hunde. Die Stressforschung
und –therapie bei Hunden ist erst neueren Datums. Eine junge Tierärztin in
Basel hat sich diesem Problem besonders gewidmet.
Gabrielle Scheidegger-Brunner, Tierärztin und Inhaberin der Kleintierpraxis Sevogel in
Basel hat schon mit sechs Jahren ihren ersten Hund bekommen. Obwohl die Eltern
ihr lieber ein Häschen oder Meersäuli geschenkt hätten. So entstand schon früh,
wie sie sagt, eine enge Bindung zu Hunden.
Während des Studiums unterbrach sie die Ausbildung für ein Jahr und
beschäftigte sich professionell mit dem Schlittenhundesport. Diese Zeit hat sie
sicherlich geprägt, wie sie meint. Sie erlebte, dass es nicht einfach alles
sein konnte, einem Hund Spritzen zu geben wenn er Schmerzen hatte, sondern dass
man ihn auch schonender und nachhaltiger mit Hundephysiotherapie behandeln
konnte. Nach ihrem Studium war sie daher zur Weiterbildung in der
Hundephysiotherapie noch an der Universität Maison Alfort in Paris.
Ihre moderne Kleintierpraxis ist heute spezialisiert auf: Sport- und
Gebrauchshundemedizin, Stress-Therapie und Physiotherapie. Gabrielle Scheidegger-Brunner
arbeitet mit ihrer dreijährigen Malinois-Hündin «Genius» im Schutz. Die Hündin
hatte als Welpe eine Hirnhautentzündung. Sie musste mit der Flasche aufgezogen
werden und ist noch heute sehr stressanfällig.
Zum Problem Stress und Stressbewältigung stellt HUNDE Gabrielle Scheidegger-Brunner einige
Fragen, die uns helfen sollten, Stress bei Hunden zu erkennen und damit
umzugehen.
Hunde: Wie definieren Sie Stress?
Stress ist ein übererregter Zustand. Der Körper reagiert auf verschiedene
Stressoren. Nach der Wahrnehmung der Stressreize reagiert der Körper mit einer
Hormonausschüttung. Der Blutdruck steigt. Der Herzschlag sowie die Atmung
beschleunigen sich. Die Durchblutung der Skelettmuskulatur verstärkt sich. Der
Körper ist auf alles vorbereitet: Flight or Fight – Flucht oder Kampf.
H: Was versteht man unter Stressoren?
Stressoren nennt man alle Reize und Belastungen, die - auch bei unseren Hunden
- zu Stressreaktionen führen können. Es sind die psychischen Reize wie Angst
und Freude – aber auch physikalische Reize wie Kälte oder Hitze, chemische
Reize wie Gifte, biologische Reize Entzündungen und Infektionen, Krankheiten
und abschliessend physiologische Reize, die von körperlicher Belastung und
Schmerzen herrühren können.
H: Woher rührt ihr Anliegen, Stress bei Hunden zu untersuchen?
Auf vielen Ausbildungsplätzen sieht man gestresste Hundeführer und daher
natürlich auch gestresste Hunde. Dies, weil man das Problem nicht erkennt und
leider dadurch nichts dagegen unternehmen kann. Zudem habe ich selber einen
enorm stressanfälligen Hund und musste lernen, damit umzugehen und gute Wege
zur Therapierung zu finden. Daher ist es mein Hauptziel, Hundehaltern und
Züchtern mehr Wissen über ihren gestressten Vierbeiner zu vermitteln. So können
sie früher erkennen, was in ihrem Hund vorgeht und dementsprechend richtig und
gezielt vorgehen. Nur so kann das Team aus dem Teufelskreis herausfinden.
H: In der neuen Literatur findet man nicht viele Arbeiten, die Stress bei
Tieren behandeln. Warum?
Wolfsforscher wie Ziemen oder Ménatory haben sich intensiv damit beschäftigt
insbesondere auch mit dem sozialen Stress, aber sie sind eher naturbezogen und
publizieren weniger.
H: Welche Stressarten können wir auch beim Hund unterscheiden?
Es geht nicht nur um den negativen Stress, den so genannten DYSTRESS, sondern
auch um den positiven EUSTRESS, der uns und unsere Hunde zu Maximalleistungen
beflügeln kann. Diese Art Stress ist stimulierend und hilft unter anderem beim
Lernen von neuem. Eustress wird bei uns als «Kick» empfunden besonders bei
Freizeitvergnügen wie Fallschirmspringen, Tauchen oder Riverrafting.
H: Was ist denn so schädlich am Stress für Mensch und Tier?
Entscheidend ob ein Stress von Eu- zu Dystress werden kann, bestimmt die Dosis
und die Dauer wie lange der Stressor auf ein Individuum einwirkt.
H: Würden Sie uns das bitte genauer erläutern?
Ja, bei schwacher oder nur selten anfallender Belastung kehrt der Organismus
rasch wieder zum Normalzustand zurück. Wird Mensch oder Hund jedoch lange und
sehr schweren Belastungen ausgesetzt, verändert sich der psychologische Zustand
des Körpers. Die immunologische Widerstandskraft, ja sogar die Fruchtbarkeit
sinkt.
H: Reagieren alle Hunde gleich auf Stressbelastung?
Nein. Die Fähigkeit auf einen Stressor zu reagieren und damit umzugehen ist von
Hund zu Hund verschieden stark ausgeprägt. Genetik, Sozialisierung und Haltung
im Familienrudel spielen auch bei der Stressbewältigung eine grosse Rolle.
H: In wie fern ist der Umgang mit Stress genetisch bedingt?
Rasse, Zuchtlinien und direkte Elternpaarung sind von Bedeutung. Man nimmt an,
dass ungefähr 30 Prozent der Stresstoleranz vererbt wird. Täglich kann ich
Hunde in der Tierarztpraxis beobachten, die wirklich in Stress geraten.
H: Ist nicht auch die Sozialisierung und eine gut verlaufene Prägungsphase
hilfreich gegen Stress?
Schon der Welpe lernt, dass es im Leben Stressoren gibt. Er eignet sich ein
Bild an, was für ihn normal ist oder nicht. Der Hund sollte schon früh lernen
Umweltreize wahrzunehmen. Viele Lücken die im Welpenalter entstehen, können
nach der Prägungsphase nicht mehr geschlossen werden. Der Welpe orientiert sich
an der Stressdisposition der Mutterhündin, reagiert sie schreckhaft auf Reize
und Stress, dann wird er es nachahmen.
H: In wieweit vermitteln Haltung und klare Rudelstrukturen Sicherheit?
Der Hund wird bei klaren Rudelstrukturen mit gefestigter Rangordnung sicher
eine höhere Belastung manifestieren können. Werden Rudelführer in einer
Situation schnell die Fassung verlieren, wird es bald der Hund auch tun. Bleibt
der Hundeführer dagegen cool, wird sich auch der Hund sicherer fühlen und
weniger stressanfällig sein.
H: Was raten Sie einem Hundeführer mit stressgeplagtem Hund?
Wenn der Hund öfters und rasch in Stressreaktionen fällt, sollte der
Hundeführer mit ruhigem, bestimmtem Umgang die Nerven seines Hundes stützen.
Der Hund sollte stereotype Abläufe, Aufgaben und Strukturen in seinen Tagesplan
erhalten. Alle Übungen sollten gleichmässig ritualisiert ablaufen. Das ruhig
Wiederkehrende wird für den Hund vorausschaubar, das gibt ihm Sicherheit.
Wichtig sind gleiche Kommandos wie Hör- und Sichtzeichen, gleiche Reihenfolge,
gleiche Ausführung. Bei Übungen notfalls einen Lernschritt zurückgehen und
wieder beginnen.
H: Sind mit der Flasche aufgezogene Welpen später stressanfälliger?
Den Erfahrungswerten nach: ja. Beim Säugen wird von der Mutter ein
Geruchshormon ausgeschüttet, das auf den ganzen Wurf übergeht. Durch den
spezifischen Geruch lassen sich Mutter und Geschwister erkennen und beruhigen.
Häufig schlafen dann die Welpen ein, das Hormon bewirkt ein Glücksgefühl und
beruhigt.
H: Könnte das auch bei der Stresstherapie für Hunde angewendet werden?
Ja es gibt Stecker, die an Steckdosen angeschlossen werden können, um dann ein
künstlich hergestelltes Geruchshormon freizusetzen. Hunde und Katzen die so
behandelt werden, suchen ihren Schlafplatz interessanterweise meistens in
nächster Nähe der Steckdose. Das Geruchshormon bietet ihnen Sicherheit und
Behaglichkeit.
H: Wo würde ich einen guten Stress-Therapeuten für meinen Hund finden?
Das Universitäts-Tierspital in Zürich Tel. 01 635 81 11 führt einen kompetenten
Beratungsservice. Aber ich glaube, mittlerweile arbeiten die meisten Tierärzte
mit ausgewiesenen Tier-Psychologen zusammen. Gerne stehe ich Ihnen für mehr
Infos unter
gbrunner@sporthundemedizin.ch
zur Verfügung.
Legenden:
1 Stress ist ein übererregter Zustand. Der Körper reagiert auf verschiedene
Stressoren mit einer Hormonausschüttung.
2 Schon der Welpe lernt, dass es im Leben Stressoren gibt. Er eignet sich ein
Bild an, was für ihn normal ist oder nicht.
3 Es ist der Eustress, der uns und unsere Hunde zu Maximalleistungen beflügeln
kann.
4 Die Fähigkeit auf einen Stressor zu reagieren und damit umzugehen ist von
Hund zu Hund verschieden.
5 Wenn der Hund öfters rasch in Stressreaktionen fällt, sollte der Hundeführer
mit ruhigem bestimmtem Umgang die Nerven seines Hundes stützen.